Vom Lehren und Lernen im (Western-)Reitsport

Was man als Schüler von einem Trainer erwarten kann.
(Juni 2004)

Dieser Artikel erschien im Journal "Western News"

Die Erwartungen an den Unterricht sind sehr unterschiedlich. Anfänger sind damit befasst, den Sitz zu erlernen und „Lenken und Bremsen“ zu üben. Dabei wird an das Pferd – außer dass es auf bestimmte Signale richtig reagieren soll – noch kein besonderer Anspruch gelegt. Fortgeschrittene wollen vielleicht mit Hilfe vom Trainer dem Pferd etwas Neues beibringen. Es macht in der Methodik einen großen Unterschied, ob die „Schüler“ – Mensch & Pferd - gerade eine neue „Übung“ erarbeiten oder bereits Bekanntes wiederholen und verbessern.

Weil ich immer wieder große Unsicherheiten bei Reitern feststelle, möchte ich Ihnen diesmal einige Tipps geben, was Sie als Schüler vom Trainer erwarten können und wie Sie erkennen können, ob Ihr Trainer „mit System“ arbeitet. Wenn ich in der Folge von Trainern spreche, meine ich natürlich auch die Trainerinnen.

Definieren Sie Ziele

Wenn Sie regelmäßig mit einem Trainer arbeiten, sollte grundsätzlich klar sein, welche langfristigen Ziele Sie anstreben. Wollen Sie als Anfänger die Grundbegriffe erlernen, sodass Sie danach auf einem ausgebildeten, ruhigen Pferd sicher am Platz und im Gelände unterwegs sein können? Das heißt, Sie erlernen erst einmal „das Sitzen“ und ein Pferd zu „bedienen“. Wollen Sie als Fortgeschrittener Reiter schon langsam in die Methodik des Pferdetrainings hineinschnuppern? Haben Sie als geübter Reiter – und erst dann macht es wirklich Sinn – Turnierambitionen? Reiten Sie auf ausgeborgten Pferden oder haben Sie Ihre eigenes? Wie gut ausgebildet ist das Pferd auf dem Sie reiten?

Nach diesen Faktoren sollte sich auch der Trainingsaufbau von Ihnen und Ihrem Pferd richten. Wenn Sie von Ihrem Trainer darüber nicht befragt werden bzw. Ihre Wünsche nicht beachtet werden – wechseln Sie ihn! Es gehört auch zur Verantwortung eines Trainers, die Ziele der Schüler realistisch zu beurteilen. Ein Trainer, der Ihnen alles verspricht, ist eher auf der Suche nach dem Geld als dass er Ihre Erwartungen erfüllen könnte. Wenn Sie z.B. als Späteinsteiger, der bisher kaum Sport gemacht hat, von Ihrem Trainer erwarten, dass er Sie bei 2 Reitstunden pro Woche in 1 Jahr zur Turnierreife führt, ist das unrealistisch – und das muss auch gesagt werden. (Die Situation ist nicht erfunden.)

Auch zu Beginn einer guten Stunde sollte klar sein, was das Ziel dieser Einheit ist. Der Trainer sollte mit Ihnen dieses Ziel ansprechen und erläutern. Geht es mehr um den Reiter, weil der noch Defizite bei bestimmten Themen hat oder weil er eine neue Lektion lernt oder steht in der Einheit das Training vom Pferd im Vordergrund?

Das Umfeld einer Trainingseinheit

Wie viele Teilnehmer sind in der Einheit? Wenn mehr als 4 ReiterInnen dabei sind, wird es sicher schwierig, genügend Rückmeldung vom Trainer zu bekommen. Das ist bei manchen Themen, z.B. wenn es um das Festigen von bereits bekannten Inhalten geht, nicht so schlimm. Bei anderen Inhalten z. B. das Verbessern vom Sitz oder wenn das Pferd mit neuen Übungen konfrontiert wird, kann fehlende Rückmeldung zu Folgeproblemen führen. Wie homogen ist die Gruppe? Ein ungeübter Reiter und 3 Fortgeschrittene werden den Ablauf der Einheit problematisch machen. Gibt es Hilfsmittel, z.B. Stangen, Hütchen o.ä.? All diese Faktoren haben wesentlichen Einfluss auf die folgende Stunde.

Die Einleitung als Standortbestimmung

Es gibt keine „Formel“ für das Gelingen einer Trainingseinheit. Trotzdem sollen gewisse Elemente vorhanden sein. Nach einer kurzen Zielfestlegung sollte immer ein „Einleitungsblock“ folgen. Dabei sollen sowohl die Reiter als auch die Pferde „aufgewärmt“ werden. Ziele dabei sind das Erhöhen der Aufmerksamkeit von Mensch & Pferd, das Erwärmen und Durchbluten der Muskulatur, das Lösen von Gelenken und eventuell das Vorbereiten des anschließenden Trainingsblocks. Natürlich sind diese Ziele bei Anfängern nur beschränkt realisierbar. Wer noch Probleme mit „Lenken, Beschleunigen und Bremsen“ hat, wird schwer in der Lage sein, ein Pferd „aufzuwärmen

Schon während dieses Teils kann ein guter Trainer feststellen, ob die angestrebten Ziele zu erreichen sind, oder ob vielleicht noch andere „Bausteine“ fehlen und zu verbessern sind. Vor allem, wenn Sie neu bei dem Trainer sind, dient dieser Teil der „Diagnostik“. Entscheidend für den Erfolg der Einheit ist es nämlich, die Schüler – und dazu gehören Reiter und Pferd – dort „abzuholen“, wo sie gerade stehen. Das kann auch bedeuten, dass schon in dieser Phase die Ziele abgewandelt werden müssen. Es bringt schließlich nichts, wenn zwar vereinbart wurde auf dem Zirkel zu arbeiten und sich herausstellt, dass das Pferd gegen den Schenkel geht und mit der Schulter drängt oder der Reiter schief sitzt. Da müssen gute Trainer in ihrer Methodik so weit sein, dass sie wissen, welche „Bausteine“ brauchen die Schüler (Mensch & Pferd) und wo ist anzusetzen.

Der Hauptteil – das Problem lösen

Nach dem Aufwärmen kann mit dem eigentlichen Stundeninhalt begonnen werden. Ich möchte Ihnen an einem Beispiel erläutern, wie ein methodisch arbeitender Trainer vorgehen könnte.

Nehmen wir an, Sie haben beim Aufwärmen festgestellt, dass Ihr Pferd beim Traben am Zirkel auf der linken Hand mit der Schulter stark nach innen drängt. Ihr Trainer hat das ebenfalls erkannt und jetzt wollen Sie gemeinsam an diesem Problem arbeiten. „Kurzsichtige Trainer“ würden Ihnen jetzt raten, jedes mal wenn das Pferd drängt, drücken oder klopfen Sie mit dem linken Schenkel. Vielleicht sollen Sie auch die linke Zügelhand dabei heben und somit das Pferd korrigieren. Wenn Sie so vorgehen, arbeiten Sie aber nur am Symptom und nicht an der Ursache des Problems!

Trainieren mit System

Ein erfahrener Trainer wird sich genau ansehen, welche Ursachen zu diesem Phänomen führen könnten. Da wäre zum Beispiel Ihr Sitz. Wenn ihre Gewichtsverteilung, die Oberkörperhaltung oder ihre Beckenposition nicht stimmt, sind Sie vielleicht selbst die Ursache für das Problem. Dann wäre Sitzkorrektur nötig und in Verbindung mit Übungen zur Körperwahrnehmung eine Veränderung Ihrer Haltung sinnvoll.

Oder die „natürliche Schiefe“ des Pferdes ist verantwortlich für das nach innen Drängen der Schulter. Meiner Erfahrung nach ist dies der häufigste Grund. In unserem Fall ist dann die linke Schulter die dominantere des Pferdes, das Pferd hat rechts die hohle Seite und es wird daher auch links hinten weniger gut untertreten als rechts hinten. Somit hat diese Konstellation natürlich auch Auswirkungen auf den Galopp – der ihm auf der rechten Hand leichter fällt - und natürlich auch auf alle anderen Übungen. Vor allem bei den Seitengängen wird es mit so einem "schiefen Pferd" schwierig. Aber auch die Spins und Rollbacks werden nicht „rund“.

Daher muss die Lösung unseres Problems mit System angegangen werden. Ihr Trainer sollte einen Blick für diese anatomischen Gegebenheiten haben und Ihnen die Zusammenhänge erklären können. Danach soll er auch die Lösung in einzelnen Schritten planen können. Das Gymnastizieren des Pferdes – vorerst im Schritt – wäre nötig. Übungen, die der natürlichen Schiefe entgegenwirken, sind anzuraten. „Schulter herein“ auf der linken Hand führt zu deutlich mehr Beweglichkeit und „Raumgriff“ der linken Schulter und verlagert das Gewicht eher auf die rechte Schulter. Zirkel oder Volten auf der rechten Hand mit Konterbiegung des Pferdes helfen ebenfalls dabei. Übungen in Traversstellung auf der rechten Hand verbessern zusätzlich die Aktion und verlagern wieder das Gewicht nach rechts.

Ihr Trainer sollte ihnen diese Übungen vorreiten und sie somit auch dem Pferd lernen können. Ihre Körperhaltung während dieser „Gymnastik“ muss Punkt für Punkt erklärt, und korrigiert werden. Wo liegen die Unterschenkel am Pferd, wo ist Ihr Schwerpunkt, wie halten Sie Ihre Hände? usw.… Nach einigen dieser Übungen könnte man wieder die Zielübung machen – das war unser Trabzirkel auf der linken Hand – und sehen und spüren was sich verändert hat. Wer gute Gymnastik gemacht hat, wird den Unterschied merken.

So können Sie Schritt für Schritt zu mehr Elastizität ihres Pferdes kommen und werden auch immer mehr über die mechanischen Zusammenhänge der Pferdebewegung erlernen. So nebenbei lernen Sie bei dieser Arbeit auch spüren und reiten :-). Es ist klar, dass Trainieren ein Prozess ist, der in jeder Stunde weiterverfolgt werden muss und der Trainer den „Roten Faden“ dabei nicht verlieren darf. Wer so – mit System - arbeitet wird bei seinen Schülern viel mehr Erfolg haben und gerade und gut laufende Pferde mit Schwung und Ausdruck erhalten.

Der zusammenfassende Abschluss

Der letzte Teil einer Trainingseinheit sollte wieder dem Lösen und Abkühlen dienen. Vielleicht wiederholen Sie noch einige gut bekannte Übungen. Am Ende sollten Sie mit dem Trainer noch einmal zusammenfassen, was Sie und das Pferd in der Einheit gelernt haben, welche „Schlüsselreize“ Sie erhalten haben und vielleicht auch, wie Sie bis zur nächsten Einheit weiter vorgehen werden.

Hier noch eine Auflistung von kritischen Fragen, die Sie sich stellen könnten, wenn Sie Ihren Trainer beurteilen:

  • Spricht Ihr Trainer über Ihre Ziele mit Ihnen?
  • Kann Ihnen Ihr Trainer die Übungen, die er von Ihnen verlangt, auch vorzeigen?
  • Erklärt Ihnen Ihr Trainer, warum Sie bestimmte Bewegungen und Haltungen einnehmen sollen – oder kopiert er nur andere Trainer oder Videos?
  • Nimmt Ihr Trainer auf Ihre Voraussetzungen und Eigenschaften Rücksicht?
  • Geht Ihr Trainer auch auf die körperlichen Eigenheiten und Fähigkeiten Ihres Pferdes ein?
  • Kennt Ihr Trainer Ihre Fehler und Schwachstellen – und die Ihres Pferdes!
  • Wie groß ist das Repertoire an Übungen, Unterrichtsmitteln, „Bausteinen“, im Unterricht?
  • Wie abwechslungsreich oder langweilig ist eine Stunde?
  • Kann Ihnen ihr Trainer methodische Übungsreihen sowohl zur Pferde- als auch Reiterausbildung aufzeigen und erklären?
  • Hat Ihr Trainer ein zusammenpassendes Konzept – oder nur ein Flickwerk an Übungen, das sich häufig ändert?
  • Werden Sie von Ihrem Trainer auch bezüglich Sitz korrigiert?
  • Wie sitzt Ihr Trainer am Pferd? Mit welcher Ausrüstung reitet bzw. trainiert er?
  • Wie arbeitet Ihr Trainer Jungpferde? Wie gut werden die vom Boden aus aufs Reiten vorbereitet?
    Hat sich Ihr Trainer Ihr Pferd und besonders dessen Rücken auch schon einmal ohne Sattel angesehen?

Wenn Sie viele dieser Fragen zufrieden stellend beantworten können – haben Sie bei der Auswahl Ihres Trainers einen „guten Griff“ getan! Dann werden Sie auch stetige Fortschritte beim Lernen erzielen und Sie – und Ihr Pferd – werden auch Freude dabei haben. Wenn Sie auf viele „Defizite“ stoßen – sprechen Sie mit Ihrem Trainer darüber – im Zweifelsfall wechseln Sie ihn. Ich hoffe, mit diesem Artikel zumindest Denkanstöße für die Lehrenden und Lernenden gegeben zu haben und freue mich auf Rückmeldung.

Zurück