Körpersprache und Kommunikation

(Juni 2006) Erschienen im Mitteilungsheft des Kuratoriums für Therap. Reiten

Möglichkeiten der Körpersprache für die Arbeit mit Mensch & Pferd

Eine der ältesten Sprachen ist die unseres Körpers. Lange bevor Menschen mit Worten kommunizierten, unterhielten sie sich nonverbal mittels Gesten, Blickkontakt und Mimik. Auch heute noch können wir, unabhängig von Sprache und Ausbildung, Botschaften über unseren Körper vermitteln. Natürlich gibt es kulturelle Unterschiede im Verständnis von bestimmten Gesten. So kann ein forscher Blick in die Augen in manchen Kulturen als Interesse an der Person und in anderen Gegenden wiederum als aufdringlich oder gar als Beleidigung gewertet werden.

Dass wir mit unserem Gesicht einen deutlichen „Sender“ besitzen, ist uns meistens bewusst. Ein freundlicher Blick, ein Augenzwinkern, das erstaunte Heben einer Augenbraue oder das Verziehen der Mundwinkel sind Beispiele dafür. Wir setzen diese Aktionen sehr oft mit Absicht ein. Manchmal aber sind die gerunzelte Stirn, der ausweichende Blick oder das Versteinern der Miene Signale, die uns unabsichtlich „entweichen“ und dem aufmerksamen Beobachter Hintergrund-Informationen liefern.

Dass auch unsere Körperhaltung und die Art wie wir uns bewegen, Aussagen über unsere Befindlichkeit geben können, ist vielen Menschen nicht so bewusst. Und doch sind unsere Körpersignale ständig präsent, wirken nach außen und auch nach innen – ich komme später noch darauf - und lassen sich schwer verheimlichen. Tatsache ist, dass wir, bevor wir mit einem Gespräch beginnen, schon das Wichtigste „erzählt“ haben weil ein großer Teil der Kommunikation über die nonverbale Ebene läuft. Wer beim Beobachten und Entschlüsseln sensibel ist, wird viel mehr erfahren als sein Gegenüber tatsächlich erzählt.

Pferde leben Körpersprache – Kinder auch

Ich habe in den vielen Jahren, die ich mit Mensch & Pferd schon arbeite, sehr viele interessante Erfahrungen zum Thema Körpersprache gemacht. Verblüffende Situationen in denen Sehen, Verstehen und Reagieren zwischen Lebewesen erlebbar war, fallen mir dazu ein. Pferde sind uns „körpersprachlich“ deutlich überlegen. Es ist ihre Art, sich zu verständigen. Sie haben eine höhere Sensibilität dafür und erkennen sehr rasch, was ihr Gegenüber wirklich meint und fühlt. Rollenspiele, wie wir sie öfter praktizieren, werden von den Tieren schnell durchschaut. Der Körper lügt nicht, „mehr Schein als Sein“ funktioniert bei Pferden nicht.
Bei Kindern ist es ähnlich. Auch bei ihnen erlebe ich eine höhere Sensibilität gegenüber der Körpersprache als bei vielen Erwachsenen. Kinder reagieren instinktiver auf das, was sie sehen und wahrnehmen. Stimmt der nonverbale Teil einer Botschaft nicht mit dem Gesprochenen überein, kommt es häufig zu einem inneren Konflikt, zur Verwirrung oder Auflehnung. Erwachsene die in einer „führenden Position“ mit Kindern arbeiten (Eltern, LehrerInnen, TrainerInnen, TherapeutInnen..) werden von diesen auf diese „Echtheit“ ihrer Aussagen so überprüft.

Reiten vom Boden aus

Ich lege deshalb bei der Ausbildung von ReiterInnen viel Augenmerk auf eine deutliche Körpersprache. Sie dient nicht nur der Kommunikation mit dem Pferd sondern hat weitreichende Effekte auf die Körperwahrnehmung und Haltungsschulung und somit eine Veränderung der Persönlichkeit. (Hier wären begleitende Untersuchungen sicher interessant.)


Der bewusste Einsatz der Körpersprache wird zuerst am Boden erarbeitet und mit dem Pferd erprobt. Daraus entwickelt sich eine Form der Bodenarbeit, die Mensch & Pferd in Bewegung bringt. Bewegung entsteht äußerlich und auch in der Beziehung der beiden Partner. Ein bisschen erinnert es mich immer wieder an ein gemeinsames Tanzen. Nach einiger Zeit sind die SchülerInnen in der Lage, ihre Pferde vom Boden zu Gymnastizieren. Man könnte es auch als „Reiten vom Boden“ beschreiben.
Die Art wie jemand steht, wie er die Schultern und Arme hält, sendet Signale aus. Besonders das Gehen gibt Aufschluss über einen Menschen. Wie entschlossen geht jemand? Vermittelt der Gang Sicherheit und Gewandtheit oder ist er eckig und hastig? Wirkt der Schritt kraftlos und schleppend oder weich und federnd? Pferde registrieren das und reagieren darauf. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass Menschen, die sich ausbalanciert bewegen, von den Pferden mit mehr Aufmerksamkeit und Respekt betrachtet werden als andere. Bewegung, die vom Körperzentrum, von der Mitte her entsteht, lenkt auch die Aufmerksamkeit auf die Mitte. Hier gibt es auffällige Ähnlichkeiten zu fernöstlichen Formen der Körper- und Geistesschulung. Ich würde daher allen gesunden ReiterInnen empfehlen, lernt Euren Körper besser kennen und koordinieren.

Innere und äußere Haltung

Eine weitere wichtige Erkenntnis ist die Tatsache, dass durch Verändern der äußeren Haltung (= Körpersprache) auch unsere innere Befindlichkeit beeinflusst werden kann. Wer sich schlecht fühlt, zeigt das immer auch körperlich an. In den letzten Jahren durfte ich dazu als Sporttherapeut in einer Psychiatrischen Abteilung viele interessante Erfahrungen machen. Der Therapie-Ansatz über die körperliche Ebene fällt manchen der PatientInnen leichter und löst Blockaden.

Der Zusammenhang zwischen Motorik und Psyche spiegelt sich auch in vielen Redewendungen wider. „Den Kopf hängen lassen“, „den Boden unter den Füssen verlieren“, „starr vor Schreck“, „sich auf die Hinterbeine stellen“ sind einige Beispiele dafür.

Körperarbeit als Vorbereitung und Ergänzung

Wenn also eine Veränderung der Körperhaltung auch eine Veränderung der Befindlichkeit bewirken oder zumindest unterstützen kann, dann könnten wir mit unseren KlientenInnen oft davon Gebrauch machen.

Sich recken und strecken, den Scheitel zum Himmel wachsen lassen, oder die „Grashalme im Wind“ sind Übungen, die den Körper aufrichten und den Nacken „verlängern“. Dadurch wird die Kopfbewegung freier, die Orientierung im Raum besser und die Betroffenen erlangen neue Blickwinkel.

Auch das Lösen von festgezogenen Schultern und steifen Brustkörben ist ein ergiebiges Thema. Hier sitzen oft „Altlasten, Ängste und Vorurteile“ fest. Ein spezielles Thema (nicht nur beim Reiten) ist das Becken. Es ist Zentrum unserer Gefühle und unseres Schwerpunktes. Gleichzeitig liegt hier der „Motor“ des Reiters. Ich habe deshalb eine Reihe von speziellen Übungen für diese Körperregion erarbeitet. Das Bewegen, Drehen und Mobilisieren des Körpers verbessert nicht nur die Körperwahrnehmung – auch sie ist ein Stiefkind unserer Zeit – sondern löst so manche Probleme. So wird durch die Arbeit mit dem Körper, durch das Koordinieren Lernen des Körpers, das „Sprechen durch und mit dem Körper“ unterstützt oder überhaupt erst möglich.

Diese Form der Körperarbeit fließt auch in die Ausbildung am Pferd, das Reiten ein. Denn ein ausbalancierter und gelöster Sitz und eine koordinierte Hilfengebung sind Körpersprache pur. Wer bereits am Boden Erfahrungen damit gemacht hat, wird sich am Pferd dabei viel leichter tun.

Körpersprache als interdisziplinäres Arbeitsfeld

Abschließend möchte ich feststellen, dass die Bedeutung der Körpersprache für die Entwicklung der Persönlichkeit in unterschiedlichen Ebenen (senso-motorische, kognitive und auch emotionelle Ebene) maßgeblichen Einfluss hat und faszinierende Möglichkeiten bietet. Hier verzahnen sich verschiedene Fachbereiche. SportlehrerInnen, (Heil-)PädagogInnen, PsychologInnen und (Psycho-)TherapeutInnen finden da ein vielschichtiges Arbeitsgebiet.

Wir als „pferdeunterstützte Therapeuten“ haben dabei einen unschätzbaren Partner an der Hand. Das Pferd als Co-Trainer und "Sprach"-lehrer, als Trainingspartner und leider manchmal auch als „unverstandener Träger“ liefert wertvolle Impulse. Deshalb sollten wir bemüht sein, die (Körper-)Sprache der Pferde zu erlernen und ihnen mit der nötigen Sensibilität und Klarheit entgegenzutreten.
Ich wünsche Ihnen interessante Erlebnisse beim Beachten der Körpersprache und freue mich auf Antworten.

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