Funktionelle Gymnastizierung von Reitpferden

Die 2. Säule des Equus®-Trainingskonzeptes: Die Ausbildung des Pferdes

 

Im ersten Teil der Reihe habe ich über Beziehungstraining und Körpersprache mit Pferden geschrieben. Dabei wollten wir das Verhalten der Pferde uns gegenüber verändern und eine passende Form der Verständigung aufbauen. Man könnte auch sagen, es sind die äußerst hilfreichen beziehungsrelevanten Voraussetzungen, die wir zu Beginn der Zusammenarbeit (Mensch-Pferd) schaffen wollen.

Zum Beispiel erreichen wir durch Beziehungstraining, dass Pferde uns die erforderliche Aufmerksamkeit schenken oder dass sie vom Druck den wir mit unserem Körper oder unseren Hilfsmitteln erzeugen, weichen. Auch die Bereitschaft uns zu vertrauen und zu folgen, sind wichtige Grundlagen in der Beziehung.

Im zweiten Teil der Reihe möchte ich einige Überlegungen zum Thema funktionelle Gymnastizierung der Pferde darlegen. Vieles davon habe ich in meiner Ausbildung bei Philippe Karl gelernt. Zusätzlich habe ich als Sportwissenschafter und Sporttherapeut zu den Themen funktionelle Anatomie, Bewegungs- und Trainingslehre einen sehr engen, beruflichen Konnex. Diese Erfahrungen kann ich daher gut auf die Ausbildung von Pferden übertragen.

Begriffsklärung

Unter funktioneller Gymnastik versteht man Übungen, die der Erhaltung, der Verbesserung aber auch der Wiederherstellung der Bewegungs- und Funktionsfähigkeit des Stütz- und Bewegungsapparates dienen.

Gymnastik ist dann funktionell, wenn sie auf die individuelle Situation angepasst wird.

Diese wird bestimmt von der momentanen körperlichen Belastbarkeit, dem Körperbau und dem (Trainings-)Alter - um die wichtigsten zu nennen. Außerdem muss es eine klare Zielvorstellung geben. Das heißt, ich muss festlegen was will ich mit einer speziellen Übung erreichen und was sind mittelfristige Ausbildungsziele?

Wenn diese Punkte  beachtet werden, kann man von funktioneller Gymnastizierung eines Pferdes (oder auch eines Menschen) sprechen. Wer nur "einfach so" Übungen macht, muss nicht gleich Schaden verursachen - aber ob die Übungen für das zu trainierende Individuum passend sind und ob damit jemals ein Ziel erreicht wird, ist äußerst fraglich.

Ich will hier auf keinen Fall den Eindruck erwecken, dass Pferde "untrainierte Tiere" sind, die dringend gezielte Gymnastik benötigen, damit sie gesund bleiben. Wenn man vitale und artgerecht lebende Pferde beobachtet (artgerechte Haltung ist zwar schwer zu verwirklichen und ein "dehnfähiger Begriff"), so kann man erkennen, wie gut ausbalanciert sie sind, wie schnell sie sich bewegen und wie rasch sie reagieren können!

In dem Moment wo wir uns aber auf seinen Rücken setzen, beginnt für das Lebewesen Pferd eine völlig neue biomechanische Situation. Jetzt muss es nicht nur das zusätzliche Reitergewicht tragen sondern auf Geheiß des Reiters bestimmte Bewegungen in bestimmten (Zwangs-)/Haltungen ausführen. Um es dem Pferd zu ermöglichen, das eigene Gewicht und das des Reiters ausbalancieren zu lernen, ohne langfristig Schaden zu nehmen ist ein zielgerichtetes Training nötig. Man könnte auch sagen, der Stütz- und Bewegungsapparat muss dafür trainiert werden, den Reiter tragen zu können. Erst mit zunehmender Kraft und Übung können darüber hinaus auch schwierigere Bewegungsabläufe mit mehr "Ausdruck" oder spezifische Lektionen der unterschiedlichen Reitweisen erarbeitet werden.

Da es den Rahmen dieses Artikels bei weitem sprengen würde, die komplette Gymnastizierung eines Pferdes beschreiben zu wollen, möchte ich mich auf einen speziellen Ausschnitt, die seitliche Biegung der Wirbelsäule, beschränken.

Hier muss man klarstellen, dass die Halswirbelsäule der beweglichste Teil der Wirbelsäule ist, auf den wir gut einwirken können. Die Brust- und Lendenwirbelsäule lassen aufgrund der anatomischen Gegebenheiten (Fixation durch Brustkorb, lange Querfortsätze, Stellung der Gelenkfacetten) kaum seitliche Biegung zu.

Die Ausgangssituation

Stellen wir uns vor, dass wir ein Pferd vor uns haben, das wir schon im Beziehungstraining gearbeitet haben. (Das mache ich mit allen Pferden, die ich trainiere - die Gründe dafür siehe im letzten Artikel). Deshalb lässt sich unser Pferd auch problemlos in unterschiedlichen Positionen führen, wir können sein Tempo und die Richtung steuern, es anhalten und rückwärts treten lassen und das Pferd auf einem Zirkel in den Grundgangarten bewegen uam.

Da wir jetzt vermehrt funktionelle Gymnastik machen wollen, sind wir nicht mehr damit zufrieden, dass wir das Pferd in Bewegung bringen können - sondern wir wollen auch sehen, wie es sich bewegt und gegebenenfalls darauf Einfluss nehmen.

Wir werden an der Bewegung des Pferdes erkennen, wie es sich mit seiner natürlichen Schiefe verhält. Dazu longieren wir das Pferd (Longe oder 4m-Seil) mit Kappzaum oder Knotenhalfter. Natürlich binden wir unser Pferd dabei nicht aus! Wir wollen doch genau sehen, wie es sich ohne Zwangsmittel bewegt.

Am Zirkel wird man im Trab Unterschiede im Bewegungsverhalten zwischen linker und rechter Hand erkennen. Nehmen wir an, unser Pferd bewegt sich auf der linken Hand so, dass es den Hals gut und leicht nach innen abwendet und gleichzeitig die Tendenz hat, über die Schulter den Kreis zu vergrößern (es "zieht" mehr oder weniger nach außen).

Auf der rechten Hand ist es genau umgekehrt. Der Kopf wird eher nach außen getragen und die Schultern "drängen" etwas nach innen. Manchmal erkennt man dabei auch, dass die Hinterbeine weiter außen fußen, als die Vorderen.

Somit haben wir bereits wichtige Informationen über die "Natürliche Schiefe" dieses Tieres erhalten. Unter "Natürlicher Schiefe" des Pferdes kann man sich vereinfacht eine Asymmetrie in der Längsachse des Pferdes vorstellen. Es ist in unserem Fall von links hinten nach rechts vorne schief, also ein "linkshohles Pferd". In vielen Fällen fällt auch die Mähne auf die hohle Seite.

Abgesehen davon, dass das linkshohle Pferd auch mit den Hinterbeinen unterschiedlich untertritt und die rechte Schulter mehr belastet, (was ebenfalls durch entsprechende Gymnastik bearbeitet werden muss) wollen wir uns hier wie angekündigt auf die Biegung der Wirbelsäule beschränken. Dem linkshohlen Pferd fallen Biegungen der Wirbelsäule nach links leichter als nach rechts. Da die Halswirbelsäule der beweglichste Teil der Wirbelsäule ist, wird es dort am deutlichsten sichtbar.

Weil es für die weitere Ausbildung natürlich wichtig ist, gleichmäßige Biegungen zu beiden Seiten zu erzielen, können wir schon jetzt einige Gymnastik-Übungen für unser Pferd ableiten.

Übungen im Halt

Wir biegen den Pferdehals abwechselnd zu beiden Seiten und dehnen dadurch die jeweils äußere Muskulatur am Hals. Dabei sollten die Pferdeohren auf gleicher Höhe bleiben, weil sonst unerwünschte Rotationsbewegungen auftreten, mit denen der seitlichen Biegung ausgewichen wird. Außerdem ist darauf zu achten, dass das Genick "offen" bleibt. Das bedeutet, dass der Winkel zwischen Kopf und Hals nicht verkleinert werden darf . Am Anfang ist es wichtig, nicht zu viel Biegung zu verlangen. Von Anfang an sollten diese seitlichen Biegungen in unterschiedlichen Kopfpositionen (tiefer/höher) gemacht werden. Diese Biegeübungen kann man schon mit dem Knotenhalfter vielleicht auch mit dem Stallhalfter ausführen. Soweit - so gut.

In dem Moment wo man aber ein Gebiss ins Pferdemaul gibt, wird es für die Pferde "sehr intim" und meist auch unangenehm. Hier kommt etwas ganz Entscheidendes hinzu. Wie Philippe Karl in seiner Methodik eindrucksvoll erklärt, ist ein wichtiger "Schlüssel" für die Mitarbeit des Pferdes das Maul. Solange Pferde im Maul entspannt sind, lässt sich der Hals leichter biegen. Daher ist es viel einfacher, den Pferdehals zu biegen, wenn man sich vorher um das Pferdemaul kümmert. Dazu dienen uns die sogenannten "Abkauübungen." Mit ihnen wird der Schluckreflex ausgelöst, bei dem das Pferd die Zunge anhebt und mit dem Gebiss zu "spielen" beginnt. Ein Kriterium dieser Übungen ist es, keinen Druck auf die Pferdezunge auszuüben sondern auf die elastischen Maulwinkel einzuwirken!

Das bedeutet, wenn wir uns über Biegeübungen unterhalten, müssen wir vorher das Pferdemaul (den "Schlüssel zum Pferd") in einer Art ansprechen, die nicht sofort und zwingend Widerstand auslöst. Jeder Druck auf die empfindliche Pferdezunge würde diesen nämlich bewirken.

Eine Biegung ist daher nur dann gut, wenn das Pferd dabei auch im Maul entspannt bleibt. Das ist natürlich eine Frage der Übung. Aus Erfahrung kann ich jedoch sagen, dass es sogar abgestumpften Pferden bei korrekter Vorgangsweise relativ rasch gelingt, mit dem Gebiss zu "spielen" und den Unterkiefer zu mobilisieren. Ganz einfach deshalb, weil es ihnen weit angenehmer ist, als wenn man auf ihre Zunge drückt.

Für die ReiterInnen (besonders für jene, die mit tiefen und festgestellten Händen reiten) ist es aber oft eine Herausforderung, die Hände so bewegen zu lernen, dass sie in die Maulwinkel einwirken und nicht mehr auf die druckempfindliche Zunge! Ja, sie haben richtig gelesen, sie müssen ihre Hände bewegen lernen. Wenn sich der Pferdekopf bewegt (speziell dann, wenn der Kopf angehoben wird) und sie wollen Kontakt zu den Maulwinkeln halten, müssen ihre Hände die Bewegungen mitmachen. Andernfalls quetschen sie - mehr oder weniger - die Zunge.

Daher heißt es spätestens jetzt für alle ReiterInnen, "herunter vom Pferd" weil die Abkau- und Biegeübungen zuerst vom Boden erlernt werden müssen, bevor man sie im Sattel ausführen kann. Es ist aber eine spannende und lohnende Erfahrung für alle, wenn sie erfühlen, wie fein und leicht Pferde auf korrekte Einwirkungen der Hand (und somit der Trense) reagieren können.

Übungen im Schritt

Wenn man im Halt das Pferd zum Abkauen bringen und den Hals in beide Richtungen biegen kann (Achtung - 90 Grad sind das Maximum) kann man das auch im Schritt erarbeiten. Die Kombination von Abkauübungen und seitlicher Biegung der Halswirbelsäule im Schritt bietet nun eine Vielzahl von Variationen:

Ein paar Beispiele dazu:

  • Schritt auf gerader Linie (am Anfang entlang der Bande) und Biegung des Halses nach innen in tiefer Position wobei die Pferdenase deutlich vor der Senkrechten bleibt
  • Biegung wie eben aber in höherer Kopf/Hals-Position (das beansprucht die Muskeln anders)
  • Schritt auf gebogener Linie (z.B. Volte) und Biegung nach innen (tief oder höher eingestellt)
  • Schritt auf gebogener Linie (z.B. durch die Ecke) und Biegung entgegen der Bewegungsrichtung (= Konterbiegung)
  • Schritt auf Schlangenlinie ohne die Biegung zu wechseln u.a.

Es sind natürlich noch viele andere Kombinationen möglich und sinnvoll.

Allein durch die Veränderung der Kopfhöhe, die letztlich eine Veränderung der Balance darstellt, und durch die Änderung des Biegungsausmaßes können spezielle Trainingseffekte erzielt werden. Wahrscheinlich wird sich unser linkshohles Pferd zu Beginn auf der rechten Hand schwer tun, den Hals nach innen zu biegen, ohne mit den Schultern nach innen zu drängen. Hier ist Achtsamkeit und Konsequenz nötig, um die Schultern außen zu halten. Durch kurzen Gegendruck am Schulterblatt mit der Hand oder der Gerte wird das erreicht (Hier ist es wieder einmal hilfreich, wenn man im Beziehungstraining gut gearbeitet hat und das Pferd vom Druck auch weicht).

Bei regelmäßiger und korrekter Durchführung wird sich unser linkshohles Pferd immer leichter auch nach rechts biegen lassen ohne mit den Vorderbeinen nach rechts zu drängen und dabei immer noch entspannt im Maul bleiben.

Diese Biege-Gymnastik hat - wie bereits angedeutet - auch direkte Auswirkungen auf die Balance und somit die Gewichtsverteilung des Pferdes. Das Pferd lernt z.B. den Hals nach rechts zu biegen und dabei nach links abzuwenden. Somit bewirken wir mit dieser Kombination auch eine deutliche Gewichtsverlagerung auf die linke Schulter. (Das wäre für unser linkshohles Pferd, das die rechte Schulter überlastet, auch eine sehr sinnvolle Übung).

Wer sich die Mühe macht (und am Anfang erfordert es Konzentration und Konsequenz vom Reiter, der in dieser Phase zum "Bodentrainer" geworden ist) diese Übungen zu erlernen und natürlich dann auch im Sattel umzusetzen, wird deutliche Fortschritte nicht nur in der Biegefähigkeit seines Pferdes erzielen. Gleichzeitig fördert er dadurch auch die Entspannung (Mobilität im Maul) seines Partners, verbessert die Balance, den Takt und den Raumgriff der Bewegungen und aktiviert den Pferderücken. Besonders das Üben im Trab und später im Galopp unterstützt diese Veränderungen.

Es gäbe noch vieles, was hier anzuführen wäre - aber es sollen schließlich Gedanken zum Thema Funktionelle Gymnastik sein und kein Lehrbuch.

Zusammenfassung

  • Pferdegymnastizierung ist ein komplexes Thema. Wir haben hier eigentlich nur über die Biegung nachgedacht und sind dabei zwangsläufig auf einige andere Themen gestoßen.
  • Gymnastik ist dann funktionell, wenn sie auf die jeweilige Situation abgestimmt ist.
  • Eine durchdachte Methodik ist erforderlich, die für jedes Pferd passende Lösungen liefern muss. Denken wir nur daran, dass es Pferde gibt, die sich auf das Gebiss stützen, Pferde die zu hastig sind, andere die ihren Kopf gerne zu hoch tragen, oder Pferde, die eher wenig Vorwärtsdrang haben,....
  • Wenn man dem Pferd mit Respekt in der Ausbildung begegnet (und das behaupten die meisten ReiterInnen), muss man sich auch Gedanken über sein Maul machen und wie man damit umgeht.

Wenn Sie mehr zu diesem Thema lernen und vor allem in der Praxis erleben wollen, so freue ich mich auf ein Kennen lernen in einem meiner Seminare über die "Ecole de Légèreté und Pferdegymnastizierung".

Mag. Bachofner, Februar 2013

 

 

 

 

 

 

Zurück