Equus®-Beziehungstraining und Körpersprache mit Pferden

Die 1. Säule des Equus®-Trainingskonzeptes

Im ersten Teil meiner Artikelreihe möchte ich über ein Thema schreiben, dass alle Menschen, die mit Pferden zu tun haben, betrifft. Ob Sie FreizeitreiterIn sind oder beruflich mit Pferden arbeiten, ob Sie Wander-, Western- oder DressurreiterIn sind, alle stehen vor derselben Herausforderung, sie müssen sich mit ihren Pferden verständigen. Deshalb möchte ich zuerst kurz auf typische Verhaltensmerkmale der Pferde eingehen.

Pferde sind sehr aufmerksame Beobachter. Sie nehmen die Vorgänge rund um sich genau wahr und Veränderungen werden sofort bemerkt. Nicht zuletzt wegen dieser Fähigkeit konnte das Fluchttier Pferd in der Wildnis überleben. Das bedeutet, dass auch wir von unseren Pferden bei jeder Kontaktaufnahme genau beobachtet und "eingeschätzt" werden. Wir sind dabei wie ein Sender, der Informationen ans Pferd ausstrahlt. Haben Sie schon einmal beobachtet, wie sich manche ReitanfängerInnen beim Holen eines Pferdes von der Koppel bewegen? Die Haltung zeigt Vorsicht, die Bewegungen sind fahrig, das Handling mit dem Halfter unbeholfen. Dazu kommt eine gewisse Nervosität, die sich beim Führen des Pferdes fortsetzt. Das alles vermittelt dem Pferd „Unsicherheit“. Unsere Körpersprache ist somit die erste Botschaft, die wir dem Pferd senden. Alles was wir mit dem Pferd tun, tun wir mit unserem Körper. Ob wir versuchen, es einzufangen, ob wir es führen, satteln, oder streicheln, unser Körper „spricht“ mit dem Pferd. Noch viel mehr "sprechen" wir, wenn wir dann auf ihm reiten. Darauf werde ich in einem späteren Artikel noch eingehen.

Ein anderes wichtiges Verhaltensmerkmal der Pferde ist, dass ein Großteil der Kommunikation innerhalb einer Herde über Körpersprache stattfindet. Die Stellung des Körpers, die Haltung des Kopfes, das Spiel der Ohren, und natürlich auch Mimik und Maulbewegungen geben den Herdenkollegen ganz bestimmte Informationen. Auch die Art, wie Pferde sich bewegen und welche Körperspannung sie dabei haben, ist von Bedeutung. Wir können daher durch aufmerksames Beobachten einiges über den Gemütszustand und die Kommunikation der Pferde „lesen lernen“.

Wenn wir uns mit Pferden verständigen wollen – das ist ein Ziel von allen PferdefreundInnen – sollten wir auch lernen, zu „denken und zu reden“ wie Pferde. Voraussetzung dafür ist das Hineinfühlen in die „Welt der Pferde “ und das Verstehen der Verhaltensweisen, die Pferde untereinander zeigen.

Schließlich ist das soziale Gefüge in der Herde mit seinen Beziehungen und einer klaren Rangordnung ein (überlebens-)notwendiges Element für das Herdentier Pferd. Die Rangordnung hat dabei Einfluss auf das Leben und die Abläufe in der Herde. Die ranghöheren Tiere treffen z.B. die Entscheidungen und geben den Rangniedrigen durch ihre Kompetenz die erforderliche Sicherheit.

Was bedeutet das für die Beziehung Mensch-Pferd?  Wenn sich das Pferd in der Hierarchie deutlich über dem Menschen sieht, wird die Zusammenarbeit sehr schwierig. Immer wenn etwas von diesem Pferd verlangt wird, wird es hinterfragen, ob es das auch wirklich tun soll und Kooperation wird oft nur mehr als „Gnadenakt“ gewährt. Dominante und freche Tiere werden dann sicher ihren „Spaß“ mit dem Unterlegenen haben. Ängstliche Tiere werden bei der geringsten Stresssituation ihr Heil in der Flucht – ob mit oder ohne den Reiter – suchen, da ihnen der Partner Mensch nicht die nötige Sicherheit geben kann.

Mit dem bisher Gesagten ist eigentlich schon klar, worauf wir Menschen achten sollten, wenn wir gut mit Pferden zusammen arbeiten wollen:

  • Wir brauchen eine klare Körpersprache um vom Pferd leichter verstanden zu werden.
  • Wir sollten die Fähigkeit haben, das Pferd "lesen" zu können, um es zu verstehen und einschätzen zu können.
  • Wir sollten in den Augen des Pferdes eine ranghöhere Position innehaben, um von ihm akzeptiert und respektiert zu werden.

Jeder, der mit Pferden arbeitet, trainiert oder auch "nur" die Freizeit genießt, stellt nämlich, bewusst oder auch unbewusst, ständig Anforderungen an sein Pferd.

Ein paar Beispiele dazu:

Wenn Sie ihr Pferd von der Koppel holen, erwarten Sie, dass es mitkommt. Wenn Sie ihr Pferd am Putzplatz zur Seite schieben, erwarten Sie, dass es weicht. Wenn Sie vom Schritt zum Trab anreiten, erwarten Sie, dass das Pferd beschleunigt. Aber auch wenn Sie eine Traversale reiten, erwarten Sie, dass die Körperbewegung korrekt ist und die Linie gehalten wird. So könnte man noch unzählige Beispiele anführen.

In allen Fällen richten wir Aufforderungen ans Pferd, die wir mit unserem Körper vermitteln.

Ob unsere Aufforderungen (die natürlich realistisch und erfüllbar sein müssen) von den Pferden tatsächlich erfüllt werden, hängt von 2 Faktoren ab:

1) Versteht uns das Pferd? Sind die "Vokabeln" klar und nicht widersprüchlich?

2) Vorausgesetzt das Pferd hat uns verstanden - respektiert es die Anordnungen?

Im Equus®-Beziehungtraining geht es daher um genau diese Themen. Wir lernen dabei eine klare und authentische Körpersprache, verbessern das Verstehen der "Pferdesprache" und klären die Beziehung zwischen Mensch & Pferd mit der Absicht, die Führung im Team zu übernehmen.

Somit ist Equus®-Beziehungstraining keine Spezialdisziplin für alternative ReiterInnen und auch kein Selbstzweck. Es ist die Basis in der Pferdeausbildung und ergänzt auch das Training von weiter ausgebildeten Pferden. Equus®-Beziehungstraining dient der Erziehung von (Jung-)Pferden genauso wie der Korrektur von "verzogenen" Pferden (die wurden übrigens alle von Menschen verzogen). Es schafft Klarheit in der Kommunikation zwischen Mensch & Pferd und es dient im weiteren Sinne auch der Persönlichkeitsbildung des Reiters.

Vieles vom bisher Gesagten könnte man auch als gutes "Horsemanship" bezeichnen. Dieser Begriff wird allerdings inflationär verwendet und ist kein Qualitätsmerkmal. Ich erlebe immer wieder Horsemanship-Arbeit, die von "Bodenarbeits-Fanatikern" betrieben wird, die wenig von der funktionellen Ausbildung von Pferden verstehen. Wenn dann auch noch das Pferd als "gleichberechtigter" Partner gesehen wird, weil man sich um die Klärung der Rangordnung herumdrücken will, wird es sehr schwierig, Leistung (man könnte auch sagen, korrekte Antworten) von diesen Pferden zu verlangen. Das Abspulen von auswendig gelernten Spielen ist jedenfalls kein Beweis für eine korrekte Beziehung.

Aufgrund von jahrelanger Erfahrung in der Ausbildung von Pferden und Menschen kann ich folgende Erkenntnisse anführen:

  • Für ReitanfängerInnen ist es wesentlich einfacher, sich über das Equus®-Beziehungstraining dem Lebewesen Pferd anzunähern. Wer zuerst vom Boden aus sein Pferd steuern lernt und dabei das Pferd sehen kann und auch vom Pferd gesehen wird, hat eine bessere Basis für das anschließende Reiten.
  • Aber auch routinierte ReiterInnen können durch das Erlernen einer klaren Körpersprache (am Boden und natürlich auch im Sattel!), sowie das Klären ihrer Beziehung zum Pferd, deutliche Fortschritte erzielen.

Warum werden diese so wichtigen Erkenntnisse im herkömmlichen Reitunterricht nicht berücksichtigt? 

Entweder ist man sich der Tatsachen (Pferde sind Herdentiere, fragen nach einer Rangordnung, kommunizieren mittels Körpersprache) gar nicht bewusst? Oder glaubt man, der Reitschüler bringt diese Fähigkeiten (klare Körpersprache, sicheres Auftreten, Klärung der Rangordnung mit dem Pferd) schon mit?

So mancher Frust in der Beziehung zwischen Mensch & Pferd, aber auch Unfälle und gefährliche Situationen könnten durch eine Integration dieser Lehrinhalte in jeden Reitunterricht vermieden werden. Dazu müsste es allerdings auch TrainerInnen geben, die selber diese Fähigkeiten und Kenntnisse haben!

Ich möchte ihnen nun am Beispiel des Führens einige Kriterien von Körpersprache und guter Beziehungsarbeit vermitteln. Knotenhalfter und kurzes Seil sowie Kontaktstock oder Gerte sind die dafür erforderlichen Hilfsmittel.

Da es verschiedene Führpositionen gibt, möchte ich hier die Position "Mensch auf Höhe der Pferdeschulter" beschreiben.

Die Ausgangssituation ist im Halt. Durch Einatmen und Aufrichten vermittelt der Mensch mit seiner Körpersprache dem Pferd "jetzt kommt gleich etwas Neues, die Pause ist aus." Ein Pferdeohr dreht daraufhin meist zum Menschen. Der erste Schritt sollte von beiden gemeinsam gemacht werden. Dazu muss der Mensch mit seiner treibenden Hand (die Stock/Gerte hält) einen klar abgestuften Druckaufbau machen können. In dem Moment, in dem sich das Pferd in Bewegung setzt, startet auch der Mensch. Das Gehtempo soll eindeutig vom Menschen bestimmt werden. Oft passt sich nämlich der Mensch dem Pferd an (schlurfen oder hasten). Die Tempokontrolle wird durch die Körpersprache (aktives Gehen) und unterstützend durch die Verwendung des Stockes gemacht. Dieser kann treibend (von hinten) aber auch bremsend (von vorne vor der Schulter oder vor dem Kopf) verwendet werden.

Wenn Sie als Leser jetzt denken, "das klingt aber kompliziert", so haben Sie nicht ganz unrecht. Diese Art ein Pferd zu führen - zuerst im Schritt dann auch im Trab, auf geraden und gebogenen Linien und auch rückwärts - ist nicht zu vergleichen mit der Methode, wo das Pferd hinten nachschlurft oder umgekehrt den Menschen mitzieht.

Es gleicht vielmehr einem harmonischen Tanz, bei dem die Partner sehr achtsam miteinander umgehen und ihre Bewegungen aufeinander abstimmen. Die Hilfsmittel (Seil und Stock) werden somit immer unwichtiger. In der Praxis kann man in wenigen Minuten die Grundbegriffe dieses Führens erlernen. Wer dann konsequent sein Pferd so führt (immer - nicht nur beim Üben) wird in kurzer Zeit auch diese Methode automatisieren. Später folgen dann schwierigere Führpositionen, mehr Übergänge, Führen in höheren Gangarten, und schließlich auch Vorwärts-Seitwärts-Bewegungen beim Führen.

Diese Art zu Führen erfordert, dass der Mensch in der Hierarchie über dem Rang des Pferdes ist. Der Mensch stellt nämlich einige Anforderungen. Er gibt den Zeitpunkt des Startens/Stoppens, das Gehtempo und auch die Richtung vor und achtet genau darauf, dass das Pferd das auch einhält.

Übrigens ist es von Anfang an wichtig, nicht nur zu beachten, dass Sie das Pferd in Bewegung bringen, sondern auch, wie sich das Pferd bewegt. Sind die Schritte kraftvoll und fleißig? Wohin ist der Hals gebogen? Spurt die Hinterhand auf die Vorhand?  u.a.m.

Bei der Beachtung dieser Qualitäten kommen wir bereits in den Bereich der "Pferde-Gymnastizierung", über die ich im nächsten Teil schreiben werde.

Ich hoffe, ihnen mit meinen Ausführungen etwas Einblick in Equus®-Beziehungstraining und Körpersprache gegeben zu haben. Seminare zu diesem Thema gibt es auf Anfrage. Siehe dazu auch die Termine in meiner Homepage.

Mag. Bachofner, Dezember 2012

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